Der 4. Jugendhilfetag lockt 100 Gäste ins Rathaus

Mein Leben mit der Inklusion“, Austausch der Erkenntnisse und Erfahrungen mit der Teilhabe, moderiert von Claudia Schmoldt (Mitte), Gründerin und Leiterin der inklusiven Medienwerkstatt „Nocase“. Foto: Manuel Hauck

Eschweiler. Antworten geben – auf all jene Fragen, die sich auftun, wenn der Begriff „Inklusion“ fällt. Das war das Ziel des 4. Eschweiler Jugendhilfetages unter dem Motto „Inklusion konkret?!“, der rund 100 Gäste ins Eschweiler Rathaus lockte.

Acht Workshops, Vorträge, Filmvorführungen und vor allem der Diskurs über die Einbindung benachteiligter Menschen bot den Teilnehmern, unter anderem Personal aus Bildungseinrichtungen, Kindertagesstätten und Verwaltung, einen Tag lang regen Austausch.

Im Ratssaal kehrten die Teilnehmer des Jugendhilfetages am frühen Morgen ein, um sich über das am Tag angebotene Programm zu informieren. Robert Wagner, Fachbereichsleiter im Haus St. Josef und Jürgen Termath, Leiter des Jugendamts, waren gemeinsam mit dem BKJ der Stadt Eschweiler hauptverantwortliche Organisatoren von „Inklusion konkret?!“.

Nach Begrüßung der zahlreichen Gäste freute sich vor allem Wagner, trotz seines Hochzeitstages, auf die Vorträge und Seminare, die Aufschluss über den herrschenden Status Quo bei der Inklusion geben sollten.

Bevor sich die Teilnehmer in der ersten Hälfte für den Besuch eines der acht Seminare entscheiden konnten, hielt Professor Dr. Andrea Platte von der Technischen Hochschule Köln einen Eingangsvortrag zum Thema.

Die Wissenschaftlerin befasst sich in ihren Studien vordergründig mit der Bildungsdidaktik in der Elementarpädagogik und referierte über Inklusion, nicht nur als Spannungsfeld zwischen Wunsch und Wirklichkeit, sondern auch als Prozess neben Integration und Exklusion. Ihr Plädoyer für die Einbindung Benachteiligter fand Anklang: Heterogenität und die Chancen der Individualität jedes einzelnen Kindes erkennen.

Über die Herausforderungen, die der Anspruch von inklusiven Momenten in exklusiven Strukturen mit sich bringt, sollten in den folgenden Workshops Kenntnisse erlangt und sich ausgetauscht werden. „Mit dem Begriff Inklusion werden häufig die Worte Schule und Behinderung in Verbindung gebracht“, so die Kritik, die geäußert wurde. Dass aber mehr dahinter steckt als dieses durchaus korrekte Beispiel, zeigte sich in den verschiedenen Gruppen.
Kommunale Herausforderung

Eine kommunale Herausforderung sind beispielsweise unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Für eine Vielzahl dieser Kinder und Jugendlichen ist die Indestadt wegen des bundespolizeilichen Dienstsitzes zuständig und wird dabei vom Haus St. Josef unterstützt. Auch Christian Kolf, Sozialpädagoge bei der mobilen Jugendarbeit der Stadt, zeigte in seinem Seminar Möglichkeiten, wie inklusiv vorgegangen werden kann und berichtete über bereits bestehende Projekte, an denen die Zugezogenen teilnahmen.

Ein regelrechter Hype, so Kolf, sei mit den größeren Flüchtlingswanderungen seit 2015 einhergegangen. Die Menschen seien gerne bereit, die Ankömmlinge zu unterstützen. Nichtsdestotrotz analysierten Kolf und sein Team, was Jugendliche noch brauchen und brachten unter anderem zwei Projekte auf den Weg.

Die stilisierte Jugendkarte, die für Jugendliche wichtige Orte in Eschweiler lokalisiert, und die Musikproduktion zweier Songs halfen, die Willkommenskultur noch weiter zu verbessern und Erlebtes zu verarbeiten. Äußerst erfolgreich bewertet Kolf die veranstaltete Börse für Sportkleidung, da hier hoher Bedarf herrsche.

Im Diskurs mit den Teilnehmern seines Workshops kam heraus, dass die Angebote für Mädchen besser organisiert und vermittelt werden müssten, da sie häufig nicht teilnehmen dürften. Darüber hinaus herrsche bei der Ankunft in Deutschland aufgrund der vielen Informationen eine Reizüberflutung und kritisch zu bewerten sei auch, dass in den Berufsschulen zu hohe Sprachkenntnisse gefordert werden, mit dem Ziel, die Zugezogenen schnell in einen Beruf zu bringen.
Keinen ausschließen

Ebenfalls aus kommunaler Sicht berichtete Lukas Franzen, Inklusionsbeauftragter Stolbergs, was der abstrakte Begriff Inklusion in der Realität strategisch umgesetzt werden kann. Gleichberechtigte Teilhabe aller, bei der keiner ausgeschlossen ist, dieses Ziel verfolgt der städtische Aktionsplan und fließt somit in die Sozialplanung ein.

Mit seinen Teilnehmern erarbeitete Franzen Antworten zu den Fragen, was Inklusion eigentlich ist, wo sie in der eigenen Kommune und Einrichtungen stattfindet und welche Potenziale und Hürden bestehen. Das Thema als Querschnittsaufgabe verstehend, soll Inklusion unter anderem den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und der Entkopplung von Milieus entgegenwirken.

Wie solch eine Einbindung im Bildungsbereich funktioniert, diese Frage stellten sich die Teilnehmer gleich bei mehreren Workshops. Gertrud Pilgrim, Koordinatorin bei der schulischen Inklusionshilfe der Städteregion Aachen, Heike Böttger, Sozialarbeiterin einer inklusiven Gemeinschaftsgrundschule und Elke Pfeiffer, Supervisorin beim Landesjugendamt, präsentierten sowohl im Bereich von Kindertagesstätten, Grundschulen und weiterführenden Schulen, was aktueller Stand ist und was noch möglich ist.

Ob individuelle Schulbegleitung mit Inklusionshilfen, die rechtlichen und finanziellen Rahmen- und Förderbedingungen für die Teilhabe bei Kindertageseinrichtungen oder die Sozialarbeit an Ganztagsschulen, in allen Workshops kristallisierte sich der Brennpunkt heraus, dass Personal nicht ausreichend zur Verfügung steht, um Inklusion konstant und qualitativ zu ermöglichen.
Genereller Austausch

Neben der bildungs- und kommunalspezifischen Auseinandersetzung mit dem Thema fand in weiteren Gruppen ein genereller Austausch über Teilhabe statt. Über farbliche Assoziation wurden die Eigenschaften und Erfahrungen mit Inklusion bei Rebecca Dufke, Heilerziehungspflegerin und Mitarbeiterin der Inklusionsagentur „Wir Alle“, erarbeitet und reflektiert.

Im Ratssaal moderierte Claudia Schmoldt, Gründerin der inklusiven Medienwerkstatt „Nocase“, eine Gesprächsrunde, die Behinderte, Angehörige von Behinderten, Flüchtlinge und in diesem Bereich angesiedeltes Personal zu Wort kommen ließ. Ein reger Austausch zwischen den verschiedenen Beteiligten fand nicht nur hier, sondern in allen Seminaren statt und wurde in der zweiten Hälfte nach der Mittagspause nochmals angeboten, so dass die Teilnehmer die Chance hatten, sich an zwei der acht Seminare zu beteiligen.

Zum Abschluss des vierten Jugendhilfetages führte „Nocase“ eine Hand voll Filmproduktionen vor, die Inklusion und Teilhabe visuell und teils spielerisch, teils ernsthaft, thematisierten.

Für die Überlassung des Berichtes danken wir ganz herzlich der Lokalredaktion der Eschweiler Nachrichten und der Eschweiler Zeitung.