Interview mit Mariethres Kaleß : „Der Kinderschutzbund passte einfach in meine Lebenswelt“


Engagement, Verantwortung, Miteinander: Mariethres Kaleß feiert ihren 70. Geburtstag. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler Mariethres Kaleß arbeitet seit mehr als vier Jahrzehnten beim Kinderschutzbund. Zu ihrem 70. Geburtstag blickt die ehrenamtliche Vorsitzende auf diese Zeit zurück. Und erklärt, wie sie als gebürtige Dortmunderin nach Eschweiler gekommen ist. Aus einer ihrer Charaktereigenschaften macht sie keinen Hehl: „Wenn ich merke, dass mein Engagement etwas bewegen kann, dann übernehme ich auch gerne Verantwortung." In dieser steht Mariethres Kaleß beim Kinderschutzbund seit mehr als vier Jahrzehnten.1979 trat sie in den Ortsverein Eschweiler ein, der ein Jahr zuvor gegründet worden war. Bereits wenig später gehörte sie als Schriftführerin dem Vorstand an, bevor sie 1981 zur Vorsitzenden gewählt wurde. Ein Ehrenamt, das die ehemalige Lehrerin nach wie vor innehat.

Stets betont die gebürtige Dortmunderin, dass die Erfolge und Errungenschaften des Kinderschutzbundes der Teamarbeit zahlreicher Mitstreiter sowie der Kooperation mit anderen Institutionen und Einrichtungen entspringe.

Doch der Feststellung, dass sie nach wie vor als "das Gesicht" des Kinderschutzbundes in Eschweiler wahrgenommen wird, kann auch die Vorsitzende wenig entgegensetzen. An diesem Samstag vollendet Mariethres Kaleß nun ihr 70. Lebensjahr. Im Gespräch mit Andreas Röchter blickt sie unter anderem auf die Anfänge ihres Engagements und das Erreichte zurück, macht aber auch deutlich, dass es natürlich ein Leben außerhalb des Kinderschutzbundes gab und gibt.

Frau Kaleß, Sie sind seit Jahrzehnten in Eschweiler fest verankert. Ihre Wurzeln liegen als gebürtige Dortmunderin aber im Ruhrgebiet. Was verschlug die Westfälin ins Rheinland?

Mariethres Kaleß: Die Liebe. Ich habe in Münster Theologie und Germanistik studiert und dort meinen späteren Ehemann Helmuth kennengelernt, der aus Würselen stammte. Grundsätzlich hätten wir uns beide auch vorstellen können, im Münsterland zu leben. Aber nach der Verabschiedung des Weiterbildungsgesetzes NRW bewarb sich mein Mann erfolgreich bei der Volkshochschule Würselen. Und dann hat er eben das Haus in der Hehlrather Straße in Eschweiler gefunden, das ich heute noch bewohne. So ging es im Jahr 1977 in die Indestadt. Als ich mit den Möbeln hier ankam, hatte ich das Haus, das wir zehn Jahre später erwarben, noch gar nicht gesehen.

Und das Einleben fiel leicht?

Kaleß: Ich war ganz schnell in Eschweiler verortet.

Was auch mit dem Kinderschutzbund zu tun hatte?

Kaleß: Durchaus. 1979 organisierte die VHS Würselen einen „Tag des Kindes", bei dem der Kinderschutzbund auch mit von der Partie war. Unser Sohn war damals ein halbes Jahr alt. Der Kinderschutzbund passte einfach in meine Lebenswelt. Also bin ich dem Ortsverein Eschweiler beigetreten. Und wenn ich merke, dass man meine Mitarbeit gebrauchen kann, dann übernehme ich auch gerne Verantwortung.

Wie stellte sich die damalige Situation dar?

Kaleß: Der Ortsverein Eschweiler war gerade erst ins Leben gerufen worden. Wir mussten zunächst einmal Aufbauarbeit verrichten und Strukturen schaffen. Zu Beginn standen die Errichtung von Spiel- und Bastelgruppen auf der Tagesordnung. Auch Spielplätze sowie die Ausweitung von Besuchszeiten für Eltern, deren Kinder im Krankenhaus lagen, waren bestimmende Themen. Heute kaum noch vorstellbar. Unser Ziel war es, auf Themen aufmerksam zu machen und ein Miteinander der Eltern zu ermöglichen. Also Mütter und Väter anzusprechen. Wir haben damals unter anderem auch eine Gruppe für Väter eingerichtet. Meiner Meinung nach war ganz entscheidend, dass wir stets basisorientiert agiert haben und bemüht waren, uns mit den konkreten Bedarfen der Menschen vor Ort auseinanderzusetzen. Es gab eben nicht nur Referate „von oben", in denen vorgegeben wurde, was richtig oder falsch ist. Und meine Aufgabe sah ich vor allem darin, die organisatorische Basis und Rahmenbedingungen zu schaffen.

Stand der Kinderschutzbund „allein auf weiter Flur" oder stießen sie in Eschweiler auf offene Ohren?

Kaleß: Wir sind gehört worden und werden dies nach wie vor. Sowohl von den Verantwortlichen der Stadt als auch von den Kooperationspartnern. Wohl auch, weil eine unserer Prämissen stets lautete, nicht nur zu fordern, sondern aktiv an der Erarbeitung von Konzepten mitzuarbeiten. Die Beschäftigung mit dem Thema der Vereinbarkeit von Familie und Beruf wurde immer dringlicher, da es immer selbstverständlicher wurde, dass junge Frauen mit sehr guter Ausbildung auf den Arbeitsmarkt drängten. Es galt, die Voraussetzungen zu schaffen, damit Familie und Beruf keine Gegensätze mehr darstellen.

Was waren für Sie die Meilensteine ihres Engagements für den Kinderschutzbund?

Kaleß: Grundsätzlich möchte ich eigentlich das Große und Ganze sehen und nicht einzelne Punkte herauspicken. Aber sicherlich war die Einrichtung der Vormittagsbetreuung an Grundschulen im Jahr 1995, aus der dann die Kids-Clubs hervorgingen, ein besonderes Ereignis, genau wie der Start des Ganztags zehn Jahre später. Dies war nur durch die enge Kooperation mit verschiedensten Mitstreitern und Institutionen möglich. Bei der Umsetzung dieser „Großprojekte" wurde auch deutlich, dass nicht alles immer auf ehrenamtlicher Basis laufen kann. Betreuung muss bezahlt werden und sozial abgesichert sein. Auch die nach wie vor ehrenamtliche Arbeit im Vorstand wird für alle Beteiligten immer fordernder und ist eigentlich keine Aufgabe mehr, die nach Feierabend so ganz nebenbei erledigt werden kann.

Was Sie aus eigener Erfahrung sagen können?

Kaleß: Definitiv. Bis 2004 war ich beruflich als Lehrerin tätig und habe an der Realschule Baesweiler die Fächer Deutsch und Religion unterrichtet. Doch den Beruf und mein Engagement beim Kinderschutzbund unter einen Hut zu bringen, war zeitlich nicht mehr möglich. Auch wenn es schwierig für mich war, loszulassen, habe ich mich entschieden, aus dem Schuldienst auszuscheiden.

Zur Verdeutlichung: Wie sehen die aktuellen Zahlen beim Kinderschutzbund in Eschweiler aus?

Kaleß: Wir betreuen an vier Grundschulen mit fünf Standorten täglich 630 Kinder. 42 Personen sind in der Betreuung aktiv, neun in den Küchen. Hinzu kommen eine hauptberufliche pädagogische Leitung, eine Bürokraft, vier bis fünf Auszubildende sowie regelmäßig Oberstufenpraktikanten und Absolventen eines Freiwilligenjahres.

Wie schätzen Sie generell die Situation von Kindern in Deutschland im Allgemeinen und in Eschweiler im Speziellen ein?

Kaleß: Natürlich ist es vollkommen inakzeptabel, dass es in einem so reichen Land wie Deutschland Kinderarmut gibt. Dennoch bin ich der Meinung, dass sich die Situation von Kindern im Vergleich zu früher insgesamt deutlich verbessert hat. Alleine schon deswegen, weil man die Augen vor den Problemen nicht mehr verschließt und auch das Thema Kinderarmut gesellschaftlich im Blick hat. Flexiblere Betreuungsangebote tun Kindern gut. Darüber hinaus wird viel für die Teilhabe von Kindern getan. Wobei Teilhabe natürlich viel mehr bedeutet als Essen und Trinken. In Eschweiler geschieht glücklicherweise vieles gemeinsam. Politik, Verwaltung, Bewohner und Institutionen ziehen weitestgehend an einem Strang. Siehe die Initiativen in Eschweiler-Ost und in der jüngeren Vergangenheit in Eschweiler-West. All dies bedeutet aber leider nicht, dass es in Eschweiler keine Probleme gibt. Doch die Bemühungen, diese Probleme anzugehen, sind unbestreitbar.

In dieser Zeit kommt man an einem Thema nicht vorbei. Welche Folgen hat die Corona-Krise für Kinder?

Kaleß: Kinder brauchen Kinder. Deshalb befürchte ich, dass für viele Kinder die Schließung von Schulen und Kindertagesstätten Stillstand bis Rückschritte in der Entwicklung mit sich bringen. Sei es sprachlich oder auch im Sozialverhalten. Auf der anderen Seite versuche ich immer, auch aus negativen Situationen etwas Positives herauszuziehen. Ich habe in den zurückliegenden Wochen auffallend häufig Väter mit ihren Kinder draußen spielen sehen. Oder junge Familien beim Spaziergang. Vielleicht kann die Corona-Krise neue Impulse für das Schöne am Zusammenleben geben.

Was prägt Sie außerhalb des Kinderschutzbundes?

Kaleß: Für meinen 2009 verstorbenen Mann standen friedenspolitische Themen ganz oben auf der Agenda. Ich habe immer versucht, ihm dabei zur Seite zu stehen und setzte dies nun fort. So helfe ich jährlich beim Aachener Friedenslauf, bei dem ich ja auch Kinder erlebe, was ich liebe. Weiterhin bin ich in der Pfarrei St. Peter und Paul als Lektorin, Kommunionhelferin und auch im Seelsorgedienst im Krankenhaus tätig. Was in der momentanen Situation leider nicht möglich ist.

Was wünschen Sie sich?

Kaleß: Im Hinblick auf den Kinderschutzbund vielleicht, dass die Aufgaben auf mehr Schultern verteilt werden können und weitere Menschen bereit sind, sich zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen. Langfristige Planungen sind wegen der aktuellen Lage generell schwierig. Vor allem aber hoffe ich, dass in absehbarer Zeit wieder mehr persönliche Begegnungen möglich sind. Diese sind für mich nämlich eine unverzichtbare Energiequelle.

Für die Überlassung des Berichtes danken wir ganz herzlich der Lokalredaktion der Eschweiler Nachrichten und der Eschweiler Zeitung.