Fünf Jahre nach der Flucht : Familie Sidi hat in Eschweiler ein neues Zuhause gefunden

Sehen Eschweiler als zweite Heimat an: Familie Sidi mit Vater Abdulkadir, seiner Frau Amira sowie den Kindern Walat (stehend von rechts), Piwra, Hilat und Piyar (sitzend von links). Oft an ihrer Seite steht Beate Wätzmann, die sich von der Unterstützerin zur Freundin entwickelt hat. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler Die sechsköpfige Familie Sidi ist seit November 2015 in Deutschland, nach einigen Zwischenstationen sind sie in Eschweiler gelandet. Hier haben sich mittlerweile alle integriert, Vater Abdulkadir kandidiert bei der kommenden Wahl für den Integrationsrat.

„Eschweiler fühlt sich nun an wie Kobani“, sagt Abdulkadir Sidi. Kobani oder Kobanê ist die Hauptstadt des Distrikts Ain al-Arab im Gouvernement Aleppo in Syrien und war die Heimat von Abdulkadir Sidi und seiner insgesamt sechsköpfigen Familie. Bis der Bürgerkrieg Einzug hielt, Tod und Vernichtung brachte und die Familie zum Entschluss kommen ließ, zu flüchten.

Mutter Amira und die vier Kinder betraten nach einer Odyssee Anfang November 2015 deutschen Boden und erreichten über die Zwischenstationen Kiel und Siegen einige Wochen später die Indestadt, wo sie in der städtischen Unterkunft am Stich unterkamen. Vater Abdulkadir, dessen Mutter während der Flucht in der Türkei erkrankt und verstorben war, kam im Februar 2016 nach Deutschland, blieb aber noch monatelang von seiner Familie getrennt.

Über Gießen und Marburg führte ihn der Weg schließlich nach Eschweiler, wo er im Oktober 2016 seine Lieben wieder in die Arme schließen konnte. „Nach all den Irrungen und Wirrungen ein nicht zu beschreibendes Gefühl“, erinnert sich der Kurde, der in Syrien als selbstständiger Kameramann arbeitete.

Knapp vier Jahre später hat Familie Sidi zahlreiche Schritte in Sachen Integration erfolgreich absolviert. „Wir haben von vielen Menschen sehr viel Hilfe und Unterstützung erhalten und Freunde gefunden“, betont Abdulkadir Sidi, der seit einigen Tagen für den Kinderschutzbund Eschweiler in der Offenen Ganztagsbetreuung der Barbaraschule am Standort Röthgen-Karlschule arbeitet und zuvor für das Sozialamt Eschweiler und das Quartiersmanagement Eschweiler-West tätig war.

„Ohne Ziele kann man nicht leben“

Dabei denkt er unter anderem an Beate Wätzmann, Monika Medic, die Familie von Raphael Kamp vom Projekt „Integration von Flüchtlingen im Quartier Eschweiler-West“ sowie an das Team des Sozialamts um Jürgen Rombach, Demet Jawher-Özkesemen und Behrooz Montazeri. „Um nur einige zu nennen“, möchte der 48-Jährige, der inzwischen mit seiner Familie in der Talstraße wohnt, niemanden vergessen.

Der deutschen Sprache sind Abdulkadir und Amira Sidi, die in ihrer Heimat als Lehrerin tätig war und sich nun auch in Kinzweiler im pädagogischen Bereich engagiert, immer besser mächtig. „Aber es kann und muss noch besser werden“, legen beide die Messlatte hoch. Motivation ist dabei eines der Schlüsselworte: „Ohne Ziele kann man nicht leben. Türmen sich Schwierigkeiten auf, dann gilt es, diese zu überwinden.“

Wichtig ist ihnen auch: „Wir haben Hilfe bekommen, wir möchten etwas zurückgeben“, so Abdulkadir Sidi, der mit Stolz auf seine Familie blickt. „Die Kinder hatten naturgemäß die geringsten Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden“, berichtet er. Sohn Walat sowie die Töchter Hilat und Piwra besuchen die Gesamtschule Waldschule und streben das Abitur an.

Beide Töchter haben bereits Pläne, wie es danach weitergehen könnte. Hilat möchte Medizin studieren, Piwra hat noch detailliertere Vorstellungen. „Zahnärztin mit eigener Praxis.“ Den Hinweis ihres Vaters, dass dafür gute Noten die Voraussetzung sind, beantwortet Piwra mit einem schlichten „Ja“.

Noch keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung

Doch frei von Sorgen ist das Leben der Familie keinesfalls. Sohn Piyar ist Autist und bedarf besonderer Aufmerksamkeit. Auch der Aufenthaltsstatus ist noch nicht abschließend geklärt. „Wir hoffen, im kommenden Jahr eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten“, betont Abdulkadir Sidi. Und falls nicht? „Dann werden wir dies natürlich akzeptieren. Das Gesetz muss beachtet und durchgesetzt werden.“ Natürlich beschäftigt die Familie auch die nach wie vor katastrophale Lage in der syrischen Heimat, wo noch Geschwister leben.

Ungeachtet dessen blickt der Syrer mit Entschlossenheit nach vorne. Zunächst in Richtung der Kommunalwahl am 13. September, bei der auch ein neuer Integrationsrat gewählt wird. „Ich habe mich für die Liste ‚Internationales Team’ aufstellen lassen. Ich möchte mich engagieren und meine Erfahrungen weitergeben“, unterstreicht der Muslim, für den der Grundsatz „Der Mensch zählt, unabhängig von seinem Glauben“ gilt.

Klar sei, dass es in jeder Gesellschaft gute und schlechte Menschen gebe, verschließt er aber keinesfalls die Augen vor der Realität. „In der Vergangenheit wurde viel geschafft, in der Zukunft schaffen wir noch mehr“, ist er hoffnungsvoll. Dabei setzt Familie Sidi, unabhängig vom Ausgang der Kommunalwahl, auf eine eherne Regel der Indestadt: „Eschweiler hat keinen Platz für Rassismus!“

Von Andreas Röchter

Für die Überlassung des Berichtes vom 31.8.2020 danken wir ganz herzlich der Lokalredaktion der Eschweiler Zeitung und der Eschweiler Nachrichten.